Andacht zum Osterfest 2020

Liebe Gemeindeglieder,

Ostern in Corona-Zeiten! Was wird das für ein Ostern? So viele Gewissheiten und schöne Freizeitgewohnheiten brechen weg, so viel Alltag geht uns in diesen Wochen verloren. Und dann muss auch noch das schönste Fest der Christenheit so seltsam begangen werden, so verborgen, als fiele es aus; so still, als bliebe uns allen das Halleluja im Hals stecken.

Viele sind auf sich zurückgeworfen und erleben unfreiwillig ein ruhiges, stilles Fest. Auf Stille und Alleinsein sind wir vielleicht nicht vorbereitet. Fertige Glaubensantworten und Osterlieder gehen uns in dieser Zeit nicht leicht von den Lippen. Die Stille des Karsamstags ist in diesem Jahr ohrenbetäubend und prägt unsere Osterstimmung. Unsere Kirche steht leer, der geplante Ostergottesdienst muss entfallen. Und manche fragen: Hält auch Gott Abstand von seiner Welt? Ist er gegenwärtig in den leeren Kirchen? Bleibt er dieser Welt treu, die so aus den Fugen gerät? Werden wir dem Auferstandenen ganz neu begegnen, wird er uns anatmen und anstecken mit seiner Lebenskraft?

„Von ferne“ (Mt. 27,55) sahen die Frauen zu, als Christus starb, als man ihm die Dornenkrone (Corona) aufdrückte. Auch die Frauen wurden auf dem Golgatha-Hügel zu einem Sicherheitsabstand gezwungen; sie konnten nicht eingreifen, nicht trösten, nichts verhindern. Klein war die Schar derer, die das erste Ostern begingen auf dem Friedhof vor den Toren der Stadt Jerusalem. Das Evangelium berichtet von zwei oder drei Frauen – mehr nicht. Ostern beginnt ganz klein und allmählich. Bei Jesu Auferstehung sind keine Zuschauer dabei, die Applaus spenden; der erste Ostermorgen ist nur ein kleiner Frauengottesdienst unter freiem Himmel vor einem leeren Grab. Das erste Ostern ereignet sich draußen – und wir sitzen drinnen. Ostern für zwei oder drei Frauen, denen „der Engel der Frühe“ (Peter Huchel) erschien (Mt. 28,1; Mk. 16,1).  Wo zwei oder drei mit ihren Salbgefäßen traurig und ratlos zusammen sind, wo diese Kleingruppe nach Christus sucht und ihn vermisst, da ist er mitten unter ihnen. Wir nehmen uns zurück, um die Gefährdeten unter uns zu schützen. Jesus legt Maria Magdalena gebieterisch nahe: Halte Abstand! Fass mich nicht an, komm mir nicht zu nahe, halte mich nicht fest (Joh. 20,17)!

Das leere Grab, die leere Kirche – verborgenes Ostern. Auch das Brot, das der Auferstandene mit den Jüngern teilt und an das wir uns am Gründonnerstag erinnern, wird uns fehlen. Wir vermissen so vieles und werden doch nicht leer ausgehen.

Ostern – der Tag, den Gott gemacht hat – kann zwar von keiner Menschenmacht abgesagt und keinem viralen Feind zunichte gemacht werden. Aber unserer Festesfreude sind die Hände gebunden.

Manche hatten zwar gehofft, dass „es“ Ostern vorbei sein wird. Aber nein, wir können kein Ablaufdatum für diese Phase der Pandemie nennen, die uns allen zugemutet wird und das Leben so vieler akut bedroht. Wir müssen leben mit dem Unvorhersehbaren, mit der unsichtbaren Bedrohung. Wir müssen ein Ereignis verkraften, das so noch nie da gewesen ist und über dessen Verlauf wir keine verlässlichen Auskünfte wagen können. Wir müssen uns der nackten Wahrheit stellen, dass wir nicht unverwundbar sind. Wir haben nicht nur eine unsterbliche Seele; wir bewohnen einen sterblichen Leib. Und dieser Leib kann zum Wirt werden für einen gefährlichen unsichtbaren, ansteckenden Gegner; deshalb können sich die Allernächsten gefährlich werden. Wir müssen uns gedulden und momentan diese „gebrechliche Einrichtung der Welt“ (H. von Kleist) erleiden. Uns fehlt so vieles: Nähe, Normalität, Lebensfreude. Wir möchten sie hören: die gute Nachricht von Ostern.

Am Fest der Auferstehung Jesu wollen wir Gott und seinen Osterwind einatmen – und das in der Gemeinschaft aller Atmenden. „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Einer, der uns nahekommen darf, unendlich nahe, und der uns ansteckt mit seiner österlichen Lebenskraft. Diese tief verborgene, in uns atmende Gegenwart Gottes wollen wir glauben.

Der Theologe und Arzt Manfred Lütz hat in diesen Tagen geschrieben: „Uns wird in diesen Tagen in Erinnerung gebracht: unser Herr ist kein niedlicher Schönwetter-Gott, sondern der gekreuzigte, mitleidende Gott, der uns nicht vor der Krise bewahrt, sondern gerade in der Krise ganz tief verborgen bei uns ist. Der Gekreuzigte ist der österliche Herr.“

Im Vertrauen auf unserem auferstandenen und lebendigen Gott wünsche ich Ihnen – trotz allem – ein gesegnetes Osterfest. Bleiben Sie behütet und bleiben Sie gesund!

Ihr                                         

Ralf Pehmöller, Pastor in Olderup

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