Andacht zum Sonntag Misericordias Domini 26.04.2020

Christus hat gelitten für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
                                                                            1. Petrusbrief 2, 21b-25

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Chinesen sind schuld! So heißt es immer wieder in den Medien.
Eine Fledermaussuppe oder ein bis dato bei uns unbekanntes Schuppentier auf dem Wochenmarkt von Wuhan wird benannt als Ursprungsort für das Virus Covid 19. Als Alternative wird auch das Versuchslabor in dieser Stadt genannt, woraus das Virus unbemerkt verschwunden sei.
Die gelbe Gefahr mal anders….

Oder es wird auf die geldgierigen Wirte und Bürgermeister in den österreichischen und italienischen Wintersportorten verwiesen, die wegen des Umsatzes viel zu lange gewartet haben, ehe sie ihre Gäste über die Gefahr der Infektion informierten. Die sind schuld an unserer Situation!

Ob Chinesen oder Europäer, „die da“ sind schuld twittert Donald Trump, zeigt sogar mit dem Finger auf die Weltgesundheitsorganisation, um von sich und seinen eigenen Versäumnissen und politischen Fehlentscheidungen abzulenken.

Jeder versucht, nicht schuld zu sein und ich weiß um das dumme Gefühl, verdächtigt zu werden, das Virus zu tragen oder schlimmer noch zu verbreiten.

Wie wäre es, wenn ich wirklich „positiv“ wäre und müsste aufzählen, wem ich in den letzten 14 Tagen begegnet bin? Und diese Personen müssten sich testen lassen, kämen in Quarantäne, ja würden erkranken oder gar sterben.
In solche Situation will freiwillig keiner!

Es ist leicht, über „die da“ zu schimpfen, seien es Chinesen, Italiener oder Politiker, die unvorsichtige Jugend oder unbelehrbare Alte, oder wen man sonst zu Sündenböcken macht, weil man in dieser blöden Situation aus Ohnmacht nichts besseres weiß oder um seinem Frust und seiner Unzufriedenheit Luft zu machen.

Der Sündenbock ist eine alte jüdische Tradition: Am großen Versöhnungstag wurde durch einen Priester die Schuld des ganzen Volkes diesem Tier aufgebürdet und es dann „in die Wüste geschickt“. So war die Sünde weg, das Volk befreit und im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert.

Diese Tradition hatte wohl der Schreiber des Predigttextes für den Sonntag Misericordias Domini im Kopf, als er im 2. Kapitel des 1. Petrusbriefes über die Theologie des Kreuzes Jesu schrieb und zu erklären versuchte, wozu Jesus am Kreuz gestorben ist.
In seiner Vorstellung ist Jesus Hohepriester und Sündenbock zugleich:
Er nimmt selbst die Schuld der Vielen auf sich und trägt sie hinauf an das Kreuz, um dort zu sterben.
Jesus, selber ohne Schuld, nahm die Schuld derjenigen auf sich, die ihm glaubten und vertrauten. Sogar im Leiden, ja im Tod verfluchte er die nicht, die ihn kreuzigten. Es heißt: durch seine Wunden sind wir geheilt.
Sünden, Leiden, Schuld und Tod sind im Glauben überwunden.
Darum brauchen wir keine Sündenböcke mehr. Jesus war der letzte, durch ihn sind wir frei. Paulus würde sagen „allein aus Gnade“, Luther „ohn all mein Verdienst und Schuldigkeit“.

Am Sonntag von der Barmherzigkeit Gottes, so die Übersetzung des lateinischen Namens oder auch dem Sonntag vom guten Hirten, wie er mit Verweis auf Psalm 23 und das Evangelium aus Joh. 10 genannt wird, geht es um die Nachfolge. Es geht darum, wie Ostern weiterwirkt in unserem Leben.

Jesu Fußtapfen sollen wir folgen, heißt es im Predigttext wörtlich. Das meint wohl, dass auch wir bereit sein sollen, Leid und Leiden auf uns zu nehmen.
Nicht die Hoffnung oder den Glauben zu verlieren, wenn das Leben anstrengend und hart wird, wenn Verzicht gefordert wird.
Nachfolge Jesu ist nicht immer leicht, aber sie hat eine große Verheißung: Leben in Fülle, auch demnächst wieder hier im total irdischen Leben, nicht nur irgendwann dereinst.

Darum: Lasst das Jammern über die derzeitigen Einschränkungen der Freiheit, versucht euch in Geduld und im Verständnis füreinander.
Geht gnädig mit anderen, aber auch euch selbst um!
Ihr seid nicht allein, der gute Hirte sorgt sich um euch und für euch.

Einen gesegneten Sonntag!                       Jörn Jebsen, Pastor

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