Andacht zum Sonntag Rogate

Singen Sie beim Händewaschen Happy Birthday oder beten Sie das Vaterunser?
Beides dauert ca. 30 Sekunden, also die Zeit, die die echte Handhygiene erfordert.
Ich gehöre zur 2. Sorte, habe mir vorgenommen, gleichsam diese aufgezwungene Unterbrechung für ein Gebet zu nutzen.
 – Ob ich bei der Sache bin?
 – Ob das ein echtes, richtiges, vernünftiges Gebet ist?
Mir ist es wichtig, nicht nur die Keime wegzuspülen und abzuschrubben,
sondern gleichzeitig dabei an die zu denken, die zurzeit bedroht sind von Krankheit und Tod.
Dass das Vaterunser eher gedanklich runtergerattert als andächtig gesprochen wird, stört mich nicht.

– Ob es Gott stört? Plappert nicht wie die Heiden, sagt Jesus in der Bergpredigt…
Ich bin mir nicht sicher. Zieht euch fürs Gebet zurück in das stille Kämmerlein, rät Jesus.
In jedem Gottesdienst ist für uns das Vaterunser selbstverständlich und am Ende jeder kirchlichen Veranstaltung auch.
Statt Vereinzelung – stilles Kämmerlein – wird durch das gemeinsame Sprechen Gemeinschaft, Gemeinde erfahren.
Ich denke da auch an Abende im Konfi-Camp, wenn aus dem Keller am Ende der Abendandacht laut und kräftig das Vaterunser erklingt. Gänsehautfeeling pur!

In Zeiten von Corona ist das anders.
Wir beten allein zuhause. Wir beten wie die ersten Christen hinter verschlossenen Türen – und sind dabei doch nicht allein.
Wir sind zuhause, beten und sind verbunden mit allen,
die in ihrem Kämmerlein Gott ihr Herz ausschütten.
Überall sitzen Menschen an den Küchentischen oder in den Wohnzimmern und beten. Überall beten sie – vielleicht direkt nebenan, oder am anderen Ende des Dorfes, am anderen Ende der Welt.
Überall, an ungezählten Orten beten Christen mit diesen Worten und wir gehören zusammen. Wir sind gemeinsam mit Gott zuhause, bei Gott zuhause. Und unser himmlischer Vater weiß, wessen wir bedürfen, was wir brauchen. Er spürt unsere Traurigkeit und unsere Angst.
Ich denke mir, vielleicht vermisst auch Gott, mit uns zusammen das kleine Schwätzchen vor der Kirche, bevor der Gottesdienst beginnt.
Auch Gott mag es, mit uns zusammen im Gesangbuch zu blättern,
die Lieder aufzuschlagen und sie vor uns hinzusummen.
Aber in Zeiten von Corona sitzt Gott nicht in der Kirchenbank neben uns,
sondern am Küchentisch.
In Zeiten von Corona bleibt Gott mit uns zuhause. Er hält keinen Abstand, er berührt unser Innerstes, das Herz. Gott hört uns, wenn wir beten in unserm Kämmerlein und sei es am Waschbecken.

Der Wortlaut des Vaterunsers ist vertraut. Wir können es quasi im Schlaf, es sitzt ganz tief. Dementiell Erkrankte mögen fast alles vergessen haben, das Vaterunser meist nicht.
So sollt ihr beten, hatte Jesus gesagt und daran halten wir uns.
Manchmal wird es zum Ritual, man macht es, weil es dazu gehört, ohne viel zu denken.
Gerade die Corona-bedingten „neuen“ Formen des Gottesdienstes aber rütteln da was auf:
Bei Telefonkonferenz wie auch Videokonferenz springt der Computer, der alles steuert, jeweils zu der lautesten Stimme und so beten oder hören wir anders als gewohnt. 
Andere Worte des Vaterunsers erklingen plötzlich laut, stechen hervor,
ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Das altbekannte Gebet wird anders, neu.

Eigentlich war es mir immer klar, am Anfang des Vaterunsers geht es um Gott. Schwerpunkte, Gewichtungen und Grenzen werden geklärt:
Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Bedingt auch durch die aktuelle Situation, höre ich gerade dies „Dein Wille geschehe“ anders.

Selbstbestimmt und frei leben wir normalerweise.
Wir planen und machen und schaffen.
Wir halten das Heft in der Hand, haben die Kontrolle.
Nun ist plötzlich vieles anders. Wer weiß heute schon, was morgen oder in 14 Tagen erlaubt oder noch verboten ist.
Dieser Kontrollverlust macht vielen zu schaffen.

Dein Wille geschehe! Es geht hier aber, liebe Gemeinde, um Gottes Willen,
nicht um die Entscheidungen von Virologen, Kanzlerin oder Ministerpräsident.
Und trotzdem ist für viele Menschen das Gefühl dasselbe! Obwohl: Mündiger Mensch und mündiger Christ – die Definition ist nicht deckungsgleich!

Der wesentliche Faktor für mich ist, zu klären:
Was ist denn der Wille Gottes, der geschehen soll? Dem wir durch Beten und Tun des Gerechten auch zur Durchsetzung verhelfen sollen?

Gott will das Leben, gutes Leben in Freiheit, aber nicht nur für mich allein.
Nicht das Individuum zählt, sondern die Gemeinschaft.
Darum heißt ein zweites Wort, das immer wieder anders laut beim gemeinsamen Gebet hervorschallt „Unser“. Vater unser, unser täglich Brot, unsere Schuld…

Keine/r lebt für sich allein.
Vater unser, d.h. wir sind Geschwister im Glauben, alle gleichermaßen gewollt und geliebt. Wir heute am Telefon, aber auch die nahen und ferne Mitmenschen.

Niemand suche das Seine, sondern was dem anderen dient, sagt Paulus.
Egoismus sollte einem Christen / einer Christin fremd sein.
So ist das Vaterunser wie auch jedes Fürbittengebet ein Gedenken und Bedenken unserer Rolle in der Welt, sowie der Verantwortung, die wir im Kleinen wie im Großen tragen.

Unser täglich Brot gib uns heute – Die Sorgen hinsichtlich Einkommen und Auskommen sind aktuell in vielen Haushalten bei uns groß. Die Schlangen bei den Tafeln werden länger.
Und wir sind noch am Anfang der Pandemie, gleichzeitig in einem der reichsten Länder der Erde. Wenn viele sich bei uns schon Sorgen machen, wie sieht es dann im südlichen Afrika, den Slums Südamerikas oder Indiens aus?

Vergib uns unsere Schuld … Dass die Welt ist, wie sie ist, daran sind wir nicht unschuldig. Vielmehr profitieren wir nach wie vor von der ungleichen Verteilung des Wohlstandes.
Unser Fleisch kann nur so billig sein, weil wir hinnehmen, wie mit den osteuropäischen Leiharbeitern in den Schlachthöfen umgegangen wird. Mit vielen der Erntehelfer ist es nicht anders.

Steter Tropfen höhlt den Stein, vielleicht ändert das regelmäßige Erinnern unsere Haltung.
Das ist dann auch nötig bei einen weiteren von Corona verdrängtem Thema so: dem Klimawandel! Dessen Folgen tragen auch vor allem die Ärmsten der Armen und die Todesopfer schon heute liegen weit über denen von Covid 19. Nur ist alles gefühlt weit weg…

Wie gegen das Virus mit aller Kraft angegangen wird, so müsste es auch bei der Klimafrage sein!

Liebe Gemeinde , da sage einer, beten würde nichts bewirken!
Sich sammeln vor Gott, seinen Willen bedenken. Prioritäten erkennen und Kraft schöpfen für die Herausforderungen des Lebens, das gehört zusammen. Und darin steckt viel Energie und darauf ruht Segen.
Wie heißt es doch in einem alten Gesangbuchlied:
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht!
(EG 369,7) Amen

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